Stuttgarter Nachrichten 10/2011

Tafelspitzen
Nicht mehr so rustikal, aber kreativ

Uwe Bogen, 12.10.2011

Seit Mai Chef der Boteca di Vino in Botnang: Sebastian Werning Foto: Petsch
Seit Mai Chef der Bo’teca di Vino in Botnang: Sebastian Werning, Foto: Petsch

Der Anruf kam von der Polizei. In den Keller war jemand eingebrochen. In den Weinkeller! Sebastian Werning, seit Mai Chef der Bo’teca di Vino in Botnang, befürchtete das Schlimmste. Seine flüssigen Schätze – alle weg! Als er am Arbeitsplatz eintraf und die Lage inspizierte, wunderte er sich sehr. Die Täter hatten nicht eine Flasche geklaut. Nur Wernings Schokoladenkuchen, im Keller aufbewahrt, fehlte. Wenn das nicht für seine Dessertkunst spricht!

“Dieser Kuchen ist einen Einbruch wert” , so könnte der 33-Jährige auf seiner Internetseite werben. Klar, diese Art von Reklame hat der gebürtige Bielefelder nicht nötig. Sein Einfallsreichtum am Herd spricht für sich. Dass er ein Meister der leichten und pfiffigen Küche ist, beweist er seit 2007 in der ehemaligen Bäckerei in Botnang. Dann wollte Bo’teca-Gründer Bernhard Lobmüller, der als Entertainer seiner 34 Plätze umfassenden Gasträume beliebt war, etwas Neues anpacken und ging. Werning – zuvor hatte er bei Vincent Klink und Martin Öxle gewirkt – schlüpfte in die Chefrolle. Den Job des Gastgebers und Unterhalters übernimmt er mit. Es ist ein ständiges Pendeln zwischen Küche und Gästen, das er mit Bravour beherrscht. Die Damenrunde am Nebentisch ist begeistert vom Charmeur im weißen Kittel.

Rein optisch hat der 33-Jährige, den die Liebe zu einer Stuttgarterin zu den Schwaben brachte, in dem nur donnerstags bis sonntags geöffneten Restaurant einiges geändert. Die Boteca wirkt nicht mehr ganz so rustikal. Jetzt gibt es bei ihm auch eine Weinkarte. Es bleibt dabei, dass seine Menüs (das große kostet komplett 58 Euro, das kleine 46 Euro) nur Vorschläge sind. Wir können aus seinen Gerichten unsere eigene Reihenfolge zusammenstellen. Bei den Speisen legt er “großen Wert auf Regionalität”. Wenn er über den Wochenmarkt schlendert, holt er sich die Inspiration: “Ich nehme mit, was meinen Qualitätsansprüchen genügt, möglichst in Bio-Qualität.”

Schon der Küchengruß – gebeizter Lachs mit Zitronen-Ingwer-Confit – überzeugt durch intensiven Geschmack. Die Minzquiche mit Ziegenkäse weist einen filigranen Teig auf, der bei aller Zartheit mit Kreuzkümmel nach Marokko schmeckt. Das Risotto mit Gambas, Zitronenconfit und Lauch ist ein Hochgenuss. Das Iberico-Kotellette wird mit Spitzkraut serviert, das in Himbeer-Essig geschmort ist und fruchtig-leicht schmeckt. Die perfekte Dorade mit mediterranem Gemüse und Pinienkern-Polenta lässt erahnen, dass Werning bei Zwei-Sterne-Koch Öxle in der Speisemeisterei für die Fische verantwortlich war. Wenn er wollte, könnte Werning selbst in Richtung Stern angreifen. Doch diesen Druck will er sich nicht geben. Wir sind so satt und begeistert, dass wir kein Dessert mehr schaffen. Obwohl es hier so einen tollen Schokokuchen geben soll.

 

Preis-Leistungs-Verhältnis: Hohe Qualität zu fairen Preisen

Atmosphäre: Gemütlich wie in einem Wohnzimmer

Küche: Kreative Kochkunst, meist in Bio-Qualität

Adresse: Bo’teca di Vino, Inhaber: Sebastian Werning, Beethovenstraße 3, Botnang, Telefon: 0711 / 6205163. Mobil: 01792210516. Webseite:www.boteca-stuttgart.de

Öffnungszeiten: Donnerstags bis sonntags jeweils von 18 Uhr an oder für Veranstaltungen an allen Tagen geöffnet

Extras: Geschlossene Gesellschaften ab acht Personen. Insgesamt gibt es 34 Sitzplätze. Sonderveranstaltung am 20. Oktober : Weingut Max Müller aus Volkach ist zu Gast

Anfahrt: Mit der Stadtbahn-Linie U 9 nach Botnang. Für Autofahrer: Parken auf der Rosenstraße.

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